
Nachdem ich endlich ein wunderbares Buch, The Tudor Tailor, gefunden habe, in dem sehr detailiert und leicht nachzuvollziehen die Anleitungen für Tudorgewandungen beschrieben sind, habe ich ein neues Projekt:
Sowohl für meinen Liebsten als auch für mich eine komplette Tudorgewandung. Selbstverständlich – wie immer – im Partnerlook.
Meine erste Variante dieser Gewandung wird zwar aus schönen Stoffen, aber doch eher schlicht sein, da ich mich erst einmal mit den Schnitten vertraut machen möchte.
Also beginne ich zuerst einmal mit dem einfachsten Kleidungsstück, dem Hemd…
Für das typische Tudorhemd verwende ich einen feinen Fustian. Fustian ist die damalige Bezeichnung für Halbleinen. Dieses Tuch ist das einzige dieser Zeit, das Baumwollanteile beinhaltet. Es wurde meist für Hemden, (Unter-)Kleider und als Futterstoff verwendet.
Schritt 1: Der Schnitt
Zuerst einmal muss der geeignete Schnitt erstellt werden. Dazu müssen erst einmal die im Buch gezeigten Schnitt in einen 1:1 Maßstab umgerechnet und dann für die betreffende Person angepasst werden. Zum Glück ist Nick nur unwesentlich größer als die vorgegebenen Maße und solch ein Hemd ist natürlich auch relativ weit, weswegen ich mir das Anpassen der Maße schenken kann.
Eigentlich ein relativ einfaches Schnittmuster bestehend aus einem Vorder- und einem Rückenteil, zwei Ämeln, zwei Streifen für den Kragen, je zwei Streifen für die Manschetten, zwei quadratische Zwickel für die Ärmel und vier dreieckige Zwickel für den Halsausschnitt und für die Seiten.
Da ich noch kein eigens entworfenes Schnittmuster verwende, hoffe ich, dass ihr versteht, wenn ich fürs erste hier keine genaueren Angaben dazu machen möchte.
Aber ganz so schlicht will ich es dann doch nicht machen. Also müssen da Rüschen dran! Dazu benötige ich nocheinmal einen Streifen für den Kragen und zwei für die Ärmel. Da der Stoff sehr dünn ist, kann ich die Rüschen ohne weiteres in Kellerfalten legen (damit hätte ich 5 Lagen Stoff übereinander). Also muss der Streifen 3x die Länge des Kragens bzw. der Manschetten haben. Bei weniger aufwendigen Rüschen genügt natürlich weniger.
Um sich darüber klar zu werden, welche Art der Rüschen man wünscht, ist es vor allem wichtig, sich vor Augen zu führen, wie viele Lagen Stoff im Endeffekt dann übereinander liegen und ob das verwendete Material dafür auch wirklich geeignet ist. Nichts ist ärgerlicher als mühsam gelegte Kellerfalten, die aber zu dick sind…
Schritt 2: Zuschneiden
Nachdem der Schnitt endlich fertig ist, kann es ans Zuschneiden gehen. Dabei immer das Webmuster beachten und vor dem Zuschneiden feststellen, ob der Stoff eine linke und eine rechte Seite besitzt. Ich hoffe, es ist außerdem jedem klar, dass der Stoff vor dem Zuschneiden einmal gewaschen werden sollte.
Die Schnittvorlagen aus Seidenpapier auf den Stoff feststecken und mit Schneiderkreide anzeichnen. Da wir auf jeden Fall an allen Seiten eine Nahtzugabe von 10mm benötigen, ist es – sofern man nicht über ein absolutes Augenmaß oder einen Overlocker verfügt – sinnvoll, sich die Nahtzugabe ebenfalls anzuzeichen.
An dieser zweiten Linie werden die einzelnen Teile jetzt ausgeschnitten, bei dem Vorderteil wird außerdem der eingezeichnete Schlitz aufgeschnitten. Dann wird alles umzackelt.
Schritt 3: Der Halsausschnitt
Der Schlitz, den ich vorhin aufgeschnitten und umzackelt habe, wird jetzt vorsichtig umgebügelt (nur ein sehr schmaler Saum) und dann festgesteppt. Dannach wird am unteren Teil des Schlitzes ein “Knopflochbalken” gestickt, der verhindern soll, dass das Hemd an dieser Stelle aufklappt.
Schritt 4: Die Ärmel
Als nächstes wird der Unterarmzwickel an die Ärmel genäht.
Dieser Vorgang ist ein bisschen kompliziert zu erklären, weswegen ich ein wenig ausholen muss.
Der zugeschnittene Ärmel ist im Moment ein Rechteck mit zwei kurzen Seiten (a) und zwei langen Seiten (b). Es ist also vollkommen gleichgültig, welche Seite man nun an dem Vorder- und Rückenteil des Hemdes annäht und welche mit der Manschette verziert werden. Dieser Arbeitsschritt betriff nur die Seite, die später in den Rest des Hemdes eingesetzt wird.
Dazu legt man einen Zwickel rechts auf recht auf die obere rechte Ecke eines Ärmel so dass die Kante aufeinanderliegen. Dann wird er an der Kante, die auf der b Seite des Ärmels liegt, festversteppt. Dabei ist darauf zu achten, dass man die Naht nicht vollkommen durchgehend macht, sondern sie auf Höhe der Nahtzugabe des Zwickels beendet und mit ein paar Rückstichen fixiert.
Dann faltet man den Ärmel so zusammen, dass die beiden langen Seiten (b) aufeinander liegen und steckt die Seiten b bis kurz vor den Zwickel fest. Der Zwickel wird jetzt auch auf der anderen Seite festgenäht und dann gleich der ganze Ärmel bis vorne durch.
Ich weiß, dass das hier sehr kompliziert klingt, aber keine Angst, es hört sich viel wilder an, als es eigentlich ist. Sobald ich die entsprechenden Photos dazu habe, wird alles klarer sein.
Schritt 5: Der Torso

Eigentlich geht das hier sehr schnell, da der komplizierteste Schritt (der Halsschlitz) eigentlich schon gemacht ist. Die beiden Zwickel werden an den markierten Stellen eingesetztn und dann wird alles zusammengenäht. Nur wundervoll gerade Nähte, nichts kompliziertes – einfach herrlich!
In all der Euphorie habe ich beschlossen, auch gleich die Säume des Torsos zu versäubern. Also einfach zweimal umschlagen und feststeppen, so dass keine hässlichen Stoffkanten mehr zu sehen sind.
Schritt 6: Rüschen
Da als nächstes die Ärmel komplett fertig gestellt werden sollten und ich dafür Rüschen benötige, nutze ich die Gelegenheit und mache auch gleich die Rüschen für den Kragen des Hemdes.
Zunächst (wenn es noch nicht geschehen ist) schneidet man sich Stoffstreifen, die 3x so lang sind, wie die Manschetten bzw der Kragen, zurecht. Auch denn der Fustian ein eher feines Gewebe ist, ist er meiner Meinung nach doch zu dick, um die Rüschen einfach doppelt zu nehmen. Also komme ich um das umsäumen nicht herum
Zum Glück habe ich beim Umzackeln der einzelnen Schnittstücke bemerkt, dass ich sehr einfach mit der Maschine einen ordentlichen Rollsaum herstellen kann. Also wende ich das auch gleich für den äußeren Saum der Rüschen an.
Dann muss der Stoffstreifen in die künftigen Falten gelegt werden. Zum Glück ist der Stoff sehr dankbar, denn man kann ohne größere Probleme sichtbare Falten mit den Fingern pressen (mir graut schon vor der ganzen Bügelarbeit, die dieser Stoff prophezeiht). Wer weniger Glück hat, muss sich mit dem Bügeleisen behelfen. Also werden die Stoffstreifen abgemessen und ordentlich in Falten gesteckt.
Anschließend nähe ich die Rüschen so an die beiden Teile, die je eine Manschette bzw den Kragen bilden, dass der hässliche Teil des Stoffstreifens für alle Zeit im Inneren verborgen ist.
Schritt 7: Manschetten und Kragen
Bevor man die Ärmel in den Torso einsetzt, sollte man die Manschetten und den Kragen fertigstellen und annähen. Dazu muss der Ämel am Handgelenk gerafft werden (bzw. der Halsausschnitt) und mit der Maschine auf die eine Seite der Manschette bzw. des Kragens genäht werden. Anschließend wird die andere Seite über die hässliche Naht geklappt und mit der Hand festgenäht.
Schritt 8: Vereint sollen sie sein…
Endlich ist es soweit. Die beiden Ärmel werden an den Torso genäht. Mit einer der leichtesten Schritte, weswegen ich hier nicht weiter darauf eingehen werde.
Schritt 9: Schnürungen
Ich habe mich gegen Knöpfe und für feine Kordeln entschieden.
Dazu verwende ich weißes Baumwoll Häkelgarn. Je 4 Fäden werden zu einer Kordel verknüpft.
Fazit
Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich das sehr unterschätzt habe. Ich habe einen Tag länger gebraucht, als ich eigentlich dafür veranschlagt habe. Vor allem die Rüschen und die handgeknüpften Kordeln verschlingen Zeit ohne Ende.
Aber dafür kann sich das Ergebnis sehen lassen!
Trotzdem werde ich das nächste mal wahrscheinlich noch feineres oder edleres Material verwenden, Seide wäre schön. Außerdem überlege ich mir ernsthaft, ob ich die Manschetten und den Kragen nicht zusätzlich noch besticke.
Aber bevor es an ein weiteres Hemd geht, muss erst einmal die komplette Tudorgewandung vollendet werden!

Wenn jemand dieses Hemd selbst nähen möchte und fragen hat, kann er sich jederzeit an mich wenden.
LG
Kathi
- Teil 1: Das Hemd
- Teil 2: Das Wams (in Arbeit)
- Teil 3: Die Jacke (in Arbeit)
- Teil 4: Die Hose (in Arbeit)
- Teil 5: Der Hut (in Arbeit)
- Teil 6: Accessoires (in Arbeit)
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Hey,
Nachdem ich durch deinen Blog auf das Buch aufmerksam wurde, habe ich mir the Tudor Tailor ebenfalls gekauft. Bin eher noch eine Schneideranfängerin und habe bisher nur mit Schnittmustern in Originalgrösse gearbeitet. Nun stehe ich vor dem Problem, wie ich die Schnittmuster von den A4 Seiten im Buch auf Papier respektive auf den Stoff kriege? Wie geht das mit dem 1:1 umrechnen denn genau?
Bin für jede Hilfe dankbar!
Hallo
Das mit dem Umrechnen ist leider ein wenig aufwendig
Ziemlich am Anfang des Buches steht eine Beschreibung, in welchem Maßstab die Schnitte im Buch abgebildet sind und welche Größe das dann im Endeffekt ergibt.
Also “einfach” mit Bleistift und Lineal hinsetzen, alles ausmessen und umrechnen. Natürlich ist das bei den Rundungen ein wenig schwierig, aber wenn man sich da ein paar Punkte ausmisst, kann man die locker mit der Hand zeichnen.
Es wird in dem Buch auch beschrieben, wie man die Schnitte größenmäßig verändert.
Trotzdem – vor allem, wegen der oftmals edlen Stoffe, die man gerade für diese Gewandung verwendet – würde ich empfehlen jeden Schnitt erst mal an billigem Stoff auszuprobieren (gute Quelle hierfür wäre eBay), am besten dünnen Baumwollstoff, der ist leicht zu vernähen und billig.
Ich hoffe, die Erklärung hat ein wenig geholfen.
Ich werde in den nächsten Tagen einmal eine bebilderte Anleitung machen, wie man die Schnitte von A4 auf Orginalgröße übertägt.
LG
Kathi