7 Jul

Der Elf hat seine Ohren, der Zwerg seinen Bart und der Ork sein schlecht gepflegtes Gebiss. Jeder einzelne davon ist dadurch einzigartig und hat einen gewissen Wiedererkennungswert. Sei es jetzt die Art, wie die Elfenohren im Wind flattern, die kunstvoll im Zwergenbart verteilten Essensreste oder der einzigartige orkische Mundgeruch. Selbst andere Rassen werden leicht wiedererkannt und sei es nur, dass der Kender, der gleiche sein muss, wie der, dem ich vor einer halben Stunde eine übergebraten habe. Er mag sich ja umgezogen haben, aber das blaue Auge erkenne ich wieder!

Was bleibt aber uns Menschen? Narben, Tätowierungen, vielleicht sogar auffallende Kontaktlinsen. Alles am besten im Gesicht, damit man es auch gleich sieht. Aber es gibt auch diejenigen unter uns, die keine Narben oder Tätowierungen haben und zu deren Charaktervorstellung giftgrüne oder blutrote Kontaktlinsen nun einmal nicht passen.

Wie kann man da den Charakter wiedererkennen? Natürlich: die Gewandung!

Angefangen vom „doofer Hut Credo“ bis hin zu an Albernheit grenzender Schnabelschuhe. Solange es einzigartig ist und sich von der Piratenhemd-Lederhose-Masse abhebt, ist es schon einmal ein guter Anfang. Auch wenn ich abstreiten werde, das jemals gesagt zu haben: selbst eine selbst genähte Magierrobe aus Pannesamt (oder dem Satin in gleicher Qualität, für den ebenfalls etliche Polytierchen haben sterben müssen) hat mehr Einzigartigkeit als ein weißes Piratenhemd zu einer schwarzen Lederhose. Selbst wenn Pannesamt an Schrecklichkeit nicht zu übertreffen ist, muss doch jeder, der ihn schon einmal verwendet hat, würdigen, dass die Arbeit, es zu vernähen, dem Material in nichts nachsteht. Aber – pst! – wir verraten nicht, dass sich echter Samt VIEL leichter verarbeiten lässt und es auch noch Stoffe ohne Polytierchen gibt…

Leider scheinen auch zu viele unter uns vergessen zu haben, dass es auch noch mehr Farben gibt als weiß und schwarz. Besonders mutige versuchen es manchmal, noch einen gewagten Rotton hinzuzufügen, aber damit hat sich dann die Kreativität auch schon erschöpft.

Dabei steht uns eine beträchtliche Auswahl an verschieden Farbtönen zur Verfügung. Auch scheint vielen nicht bewusst zu sein, dass dunkle Grau-, Braun- und Grüntöne in der Dunkelheit viel besser tarnen als das ach so verehrte Schwarz. Aber dieser Artikel soll nicht über mögliche Farbkombinationen gehen, sondern darüber, wie man für seinen Charakter Einzigartigkeit und einen Wiedererkennungswert bekommt.

Anfangs mag es genügen, sich eine Gewandung so zusammen zu stellen, dass sie einmalig ist. Sei es nun, weil sie komplett selbst genäht ist, oder weil man gekaufte Teile mit Eigenproduktionen so kombiniert hat, dass der Gesamteindruck nicht wie „von der Stange“ wirkt. Es ist verwunderlich wie viel Arbeit man in die noch so winzigen Details an seiner Ausrüstung stecken kann, wirklich fertig wird so eine Gewandung wohl nie sein, da man nach jeder Con wieder kleine Veränderungen vornehmen möchte, um sie den eigenen Ansprüchen perfekter anzupassen. Somit wächst die Gewandung mit dem Charakter.

Aber eben nur EINE Gewandung.

Ich gehe einmal davon aus, dass schon viele vor mir zu diesem Problem gekommen sind und es werden wahrscheinlich auch noch viele nach mir tun:

Mein Charakter möchte sich umziehen. Aber ich möchte, dass man ihn immer noch erkennt.

Ich verfüge nicht über elegant im Wind wehende Elfenohren, habe keinen kunstvoll verzierten Zwergenbart und kein – zum Glück – einzigartiges Gebiss. Nicht einmal Narben oder Tätowierungen machen mein Gesicht unverkennbar. Und Kontaktlinsen? Ich trage zwar welche, aber nicht um die Augenfarbe zu verändern, sondern um überhaupt etwas sehen zu können.

Einfach ist es für Charaktere, die einem bestimmten Orden angehören oder einem Lehensherrn die Treue geschworen haben. Sie ziehen einfach die Gewandung ihrer Wahl an und schmeißen den Wappenrock darüber. So ein Wappenrock sticht ins Auge und es liegt in der Natur der Sache, dass man ihn wiedererkennt.
Andere haben weniger Glück.

Man kann natürlich prägnante Accessoires mit sich führen. So wird man den Magier Magnus Mächtig an seinem imposanten Drachenstab erkennen, egal ob er in einer seiner vielen Roben oder seinem Nachthemd vor einem steht, und Klaus Klitzeklein wird immer der Kühne Knappe sein, weil niemand sonst mit so einem verbogenen und hoffnungslos rostigem Schwert herum rennt. Auch das wohlbekannte „doofer-Hut-Kredo“ hat durchaus seinen Sinn….leider passt so eine markante Kopfbedeckung nicht zu jeder Gewandung.

(Auf das ganze Adelspack gehe ich hier nicht ein… die sind sowieso ein Völkchen für sich und scheinen nicht überlebensfähig, wenn sie sich nicht mindestens dreimal am Tag umziehen können.)

Andere müssen darauf achten, dass zumindest der Stil ihrer Gewandung der gleiche bleibt. Trotzdem ist auch das nicht unbedingt das Erfolgsrezept, es sei denn natürlich, man bleibt auch in der Farbwahl gleich. Aber wo ist denn dann noch der Sinn in der Zweitgewandung?

Oh, ich kann die Einwände schon hören: „Nicht die Gewandung macht den Charakter aus, sondern das Spiel…“

Da wir allesamt ja begnadete Schauspieler sind (oder uns zumindest dafür halten), sollte das auch wirklich kein größeres Problem sein. Dann genügen ja auch Piratenhemden und Lederhosen, wir sind trotzdem in der Lage, einfach alles darzustellen und innerhalb eines Wimpernschlages vom grimmigen Oger zur bezaubernden Fee zu mutieren. Die Illusion ist perfekt und sollte sie es nicht ganz sein, sind grundsätzlich alle anderen schuld, die offensichtlich zu wenig Fantasie für dieses Hobby haben.

Um nasige Debatten im Dungeon und grenzenlos Verwirrung in diversen Kämpfen zu vermeiden – schließlich sieht in der Hitze der Schlacht jedes Piratenhemd gleich aus, egal welcher noch unentdeckte Oskargewinner gerade darinnen steckt – sollte man sich vielleicht doch nicht ganz auf sein Talent verlassen und dafür sorgen, dass der erste Eindruck stimmt.

Auch ich habe mich entschlossen, mich nicht auf mein überragendes schauspielerisches Talent (von dem ihr alle sicher schon gehört habt) zu verlassen und will es den fantasielosen Mitlarpern erleichtern, meine einzigartigen Charaktere wieder zu erkennen, selbst wenn diese sich umgezogen haben. Das stolze Ergebnis lässt sich in einem Satz zusammen fassen:

Ich bin kläglich gescheitert!

Nicht mal mein eigener Ehemann hatte meinen Charakter wiedererkannt. Und dabei hatte ich mir doch solche Mühe gegeben und meine eigenen Ratschläge bis ins kleinste Detail berücksichtigt: Stil, Schnitt, ja sogar einige Teile sind die gleichen geblieben. Es hat sich eigentlich nur die Farbe des Stoffes verändert. Offensichtlich benötige ich doch einen überzeugenden Magierstab und sehr viel Glauben an mich selbst, dass ich ihn nicht bei erster Gelegenheit verschussel.

Und so komme ich schließlich und endlich zu dem Schluss, dass jeder von uns sich ein einzigartiges Gesicht, wie beispielsweise T’Nuudh es hat, zulegen sollte. Ihn erkennt man immer, jeder erkennt ihn, selbst die, die ihm noch nie begegnet sind, erkennen ihn!
Und das wird auch so sein, wenn er irgendwann einmal auf die Idee kommt, ein rosa Kleidchen zu tragen.

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3 Responses to “Kathis wunderbare Welt des Larp – Der Individualcharakter”
  1. ghoul sagt:

    Da steht viel wahres drin in diesem Artikel. Manchmal muss man wohl einfach fragen: “Bist du jetzt jemand anderes oder hast du dich nur umgezogen?” :-)

  2. Michael sagt:

    Oh ja, wie wahr wie wahr. Wenn ich nur bedenke mein Char hat mittlerweilen schon 4 verschiedene Kopfbedekungen. Und “nur” 3 Gewandungen (da Rüstung ja keine Gewandung ist).

    Auch sehr interessant ist es wenn man dann noch im Forum mit einem anderen Namen unterwegs ist. Dann passiert das schon mal schnell, dass der Char auch in seiner Standartklamotte mit dem Forennamen und nicht mit dem Charnamen angesprochen wird.

  3. Papa Rabe sagt:

    Muß mich als alter Verfächter von “Gutes Spiel vor ausgefeilter Klamotte” mal zu Wort melden und meine Sicht auf dieses Argument darlegen.=)

    Vorweg nur ganz kurz. Das Folgende ist meine persönliche Sicht der Dinge und soll nicht als absolute Wahrheit fungieren. Auch will ich keine Diskussion damit beginnen oder oben genannte Argument herabwürdigen, denn letzten Endes gibt’s beim eigenen Geschmack kein richtig und falsch. Sich jetzt mit Argumenten zu beschmeißen bis einer klein beigibt, bringt nix. Was ich aber hoffe ist, daß man es sich einfach mal durchliest und sich durch den Kopf gehen läßt, sofern einem das Thema interessiert. Vielleicht ist ja was dabei, was man gut findet. Vielleicht auch was, was man als komplett falsch betrachtet. Auf jeden Fall kann man sich so evtl. besser eine persönliche Meinung dazu bilden.

    Ich find den Blog klasse, denn nur wenn sich Leute trauen ihre Meinung offen zu sagen kann man damit arbeiten und ein vernünftiges Miteinander finden. Wenn diese Personen dann auch noch ein offenes Ohr (oder in diesem Falle Auge) für andere Meinungen haben, dann freut es mich umso mehr. =)

    Meine Meinung in kurz: Man geht nicht auf ein LARP, um seine neue Gewandung herzuzeigen, sondern um einen Charakter zu spielen. Und eben darin seh ich die Prioritätenverteilung.

    Und jetzt in lang: Grundsätzlich sollte man sich erst einmal Gedanken dazu machen, was den Charakter ausmacht. Wie er spricht, wie er sich gibt, bewegt, etc. Ist er laut und offenherzig, leise und eher schüchtern, geht er mit stolzgeschwellter Brust oder ist er alt und gebrächlich und geht mit kleinen Tappelschritten am Stock. Das sind alles Sachen, die kann jeder spielen und braucht dazu keine abgeschlossene Schauspielausbildung. Aber dadurch wird ein Charakter erkennbar. Und wenn man einen Charakter durch sein Gebaren bekannt gemacht hat, dann kann man anziehen was man will und er wird immer erkannt.

    T’Nuudh und auch andere Charaktere von Flo sind meines Erachtens nicht durch sein Gesicht so leicht zu erkennen, sondern weil er in jeder Situation seinem Charakter treu bleibt. In dem ich einen weißhaarigen Alten auf mich zuschlurfen sehe der über die echsische Sprache doziert und Flo erkenne, weiß ich welchen Charakter er spielt.

    Ich hatte (und habe es hoffentlich irgendwann einmal wieder) die Ehre mit Flo DSA zu spielen und es bedurfte oft nicht einmal eines Wortes, sondern rein die Körperhaltung und der Blick reichten aus um zu wissen, wer da jetzt vor einem stand.

    Ich streite nicht ab, daß Gewandung die Atmosphäre und den Charakter unterstützen kann. Ganz im Gegenteil sollte die Gewandung bewußt gewählt werden, um die Eigenheiten des jeweiligen Charis zu unterstützen. Ein Adliger sollte nicht in Lumpen daher kommen, sofern es nicht eine gute Story dazu gibt. Und ganz besonders gilt diese Regel natürlich für Charis anderer Rassen oder Arten, die natürlich spezielle Ausstattungen brauchen.

    Ich gebe jedem vollkommen recht, daß ein Typ, der nur ein Piratenhemd und Schnürlederhosen trägt, kein Troll oder Fee oder Werwolf oder sonstwas ist. Äußere Merkmale die zum Chari gehören, müssen natürlich dran und sollen nicht durch “stell’s dir halt vor” ersetzt werden.

    Aber um einem Charakter wirklich einen Wiedererkennungswert zu geben, dazu sollte man ihm durch’s spielen des selbigen ein eigenes Leben einhauchen. Denn warum z.B. ist es ein ehernes Gesetz, daß Magier immer als solche erkannt werden sollen? Nekromanten am Besten in schwarzer Robe mit einer Zielscheibe auf dem Rücken und kleinen Anzündern unten eingenäht, damit der Scheiterhaufen besser brennt. Vorallem auf längeren Reisen dürfte eine Prunkrobe sehr unangenehm sein.

    Ein normal gekleiderter Wandersmann, der sich mit mir im schönen Spiel gekonnt über astrale Phänomene und arkane Theorien unterhält ist mir lieber als ein in Prunkrüstung gekleideter Paladin, der mich mit “Hey Alter. Wo gibtsn was zum Moschn.” anquatscht. Das sind jetzt natürlich zwei Extrema, aber ich hoffe, man versteht was ich damit sagen will.

    Sollte der Magus aber jemand sein, der stolz auf seinen Stand ist und eine gewisse Anerkennung des selbigen verlangt, braucht dann aber natürlich auch eine passende Gewandung, die selbiges wiederspiegelt. Wie bereits geschrieben, die Gewandung sollte zum Chari passen.

    Soweit meine Sicht der Dinge. Ich hoffe, es war interessant zu lesen, ich bin niemanden auf die Zehen gestiegen (falls doch, bitte ich um Entschuldigung, da ich das nicht wollte) und wünsche allen ein schönes Miteinander. Denn das ist doch das Wichtigste: Jeder sollte die Möglichkeit haben Spaß am Spiel zu haben, wenn er sich darum bemüht, daß auch die anderen das selbe Privileg genießen dürfen. =)

    Cya

    Papa Rabe w^v^w

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